Webschreibtisch-Setup – personal cloud computing (pcc)

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“ (Udo Jürgens)

Ende November des gerade vergangenen Jahres habe ich in einem zweiwöchigen Selbstversuch meinen Schreibtisch komplett ins Web bzw. in die Cloud verlegt. Eine spannende Erfahrung, über die ich hier etwas ausführlicher berichten möchte – eines jedoch gleich vorweg: mein Webschreibtisch setzt schon wieder Staub an. Aber warum das so ist, lest Ihr am besten hier …

(Personal) Cloud Computing

Vor gut 25 Jahren sind mit dem Personal Computer die Daten aus den Großrechnern direkt auf die Schreibtische der Anwender gelangt. Und derzeit setzt gerade wieder ein gegenläufiger Trend bei der Datenspeicherung zurück in die Großrechner und Rechenzentren ein – Cloud Computing ist in aller Munde. Und wenn wir dabei mit unseren Personal Computern (die mittlerweile die Power von den seinerzeitigen Rechenzentren zum Teil bereits übertreffen) in die Cloud „gehen“, um dort unsere (persönlichen und öffentlichen) Daten zu verwalten, dann nenne ich das Personal Cloud Computing (PCC). Aber nicht nur für Privatanwender tut sich damit eine Vielzahl an Möglichkeiten auf, Informationen und Daten rasch und einfach auf mehreren Geräten stets aktuell zur Verfügung zu haben, oder mit Freunden und Verwandten direkt online auszutauschen. Auch im professionellen Einsatz kann Cloud Computing die Effizienz erhöhen, wenn es darum geht, dass z.B. mehrere Teammitglieder gleichzeitig an einem Dokument arbeiten oder Projektdaten zentral gespeichert und über das Internet für alle Projektbeteiligten erreichbar sein sollen – inklusive automatischer Versionsverwaltung. Auch für Freiberufler, Klein- und Kleinstunternehmen können die über das Internet teilweise kostenlosen Cloud-Tools viele interessante Möglichkeiten eröffnen – vom Online-Team-Kalender bis hin zu gemeinsam nutzbaren Aufgabenlisten und natürlich der Vorteil der stets aktuellen Daten auf allen an den jeweiligen Cloud-Diensten angeschlossenen Geräten.
Kritiker monieren jedoch, dass der Datenschutz in der Cloud wenn überhaupt nur mangelhaft vorhanden sei. Die meisten Cloud-Dienste nutzen jedoch verschlüsselte Zugangssysteme, die dem aktuellen Stand der Technik entsprechen und auch z.B. beim Online-Banking eingesetzt werden. Berechtigt ist jedenfalls die Kritik, welche die Herausgaberechte von Daten durch die Betreiber der Rechenzentren betrifft. Hier gilt im Normalfall das nationale Recht jenes Landes, in dem das Rechenzentrum mit den gespeicherten Daten steht. Viele dieser Rechenzentren befinden sich in den USA und dort gilt im Falle der Datenherausgabe das amerikanische Recht auch für Nutzer aus Europa. Das sollte dem mündigen Cloud-User stets bewusst sein.

 

Der Webschreibtisch – ein Cloud-Selbstversuch

Bei meinem Selbstversuch habe ich als Browser Google Chrome verwendet. Aber natürlich kommt man mit jedem anderen Browser auch in die Cloud.

Mein Webschreibtisch-Setup hat folgende Dienste umfasst, die allesamt während des Selbstversuches ausschließlich über den Browser bedient wurden:

  • GMail als zentraler eMail-Client (alle anderen Postfächer habe ich in dieser Zeit von GMail „abgrasen“ lassen und für den Versand auch die entsprechenden Alias eingestellt)
  • Google Calendar als Terminkalender (inklusive Synchronisation mit meinem Smartphone, was übrigens wunderbar geklappt hat)
  • Google Contacts als zentrale Adressverwaltung (inklusive Synchronisation mit meinem Smartphone, was zunächst gar nicht geklappt hat und erst nach einigem Gefrickel reibungslos funktioniert hat – siehe dazu hier)
  • Google Docs für Textverarbeitung, Präsentationen und Tabellenkalkulation
  • Wunderlist für die Aufgabenverwaltung
  • Evernote als zentrale Inbox für alles was mir so an Geistesblitzen (sogar in diktierter Form beim Autofahren) und im Web untergekommen ist
  • Dropbox für den Datenaustausch (auch mit anderen Projektbeteiligten, was wunderbar geklappt hat)

Zu diesen Cloud-Tools habe ich im Browser noch folgende Extensions installiert:

  • Google Mail-Checker: zeigt den Eingang neuer eMails in GMail an und macht darauf aufmerksam
  • Evernote Web-Clipper: zum raschen und unkomplizierten Anlegen von Notizen direkt aus dem Web
  • Google Reader Notifier: macht auf neue News in den abonnierten RSS-Feeds aufmerksam
  • Silver Bird: für den Twitter-Stream

 

Fazit nach 2 Wochen Webschreibtisch

Wie eingangs bereits erwähnt, setzt mein Webschreibtisch schon wieder Staub an. Ich weiss auch jetzt, dass ich mit einem Chrome-Book nicht arbeiten kann und möchte. Zu viele Dinge können mit einem puren Webschreibtisch nur mit teilweise gravierenden Einschränkungen erledigen. So fehlen mir persönlich z.B. ganz wesentliche Features und Formatierungsmöglichkeiten in den Google Docs. Der Upload von Bildern und Grafiken in Texte oder Präsentationen funktioniert auch nicht immer reibungslos. Zudem gibt es Einschränkungen, was die Größe der Bilder betrifft. Und selbst wenn es nur um reinen Text geht (z.B. bei der Konzeption einer Seminarunterlage), bevorzuge ich mittlerweile ganz puristische Tools (z.B. den iA Writer), mit denen man auch via Dropbox, iCloud & Co. die Texte für die verschiedensten Geräte synchron halten kann. Auch von der vielfach gelobten Wunderlist war und bin ich ein wenig enttäuscht. So wunderbar, wie es der Namen und die vielen Lobhudeleien vermuten lassen, ist die Software nämlich nicht. Trotz perfektem Marketing, modernem Webdesign und der Tatsache, dass Wunderlist kostenlos genutzt werden kann, ist es doch nur ein Tool für den eher anspruchslosen Gelegenheits-GTD-ler. Es fehlen wertvolle Funktionen wie unter anderem wiederkehrende Aufgaben, Dateianhänge an Aufgaben, oder Beschlagwortung einzelner Aufgaben mit Tags zum späteren Filtern. Allerdings gibt es in Wunderlist eine „Morgen“-Ansicht, man kann Aufgabenlisten mit anderen (z.B. Projektteammitgliedern, Freunden, Verwandten, etc.) teilen und die Software ist plattform-übergreifend (also am Mac, unter Windows, Linux, iOS, Android usw.) einsetzbar.
Aber nun zurück zu meinem staubansetzenden Webschreibtisch: für die meisten in diesem Artikel angeführten Cloud-Tools gibt es auch Desktop-Apps und Apps für alle gängigen Smartphones. Deshalb braucht’s einfach keinen Webschreibtisch, wenn man sich nämlich selbigen dank dieser Apps die gesamte Webschreibtisch-Funktionalität in die vertraute Umgebung auf den Desktop holen kann. Ist ja auch viel eleganter, wenn die Daten in einer optisch ansprechend designten und ergonomischen Oberfläche verwaltet und im Hintergrund durch die Cloud synchronisiert werden. Und bietet zudem den Vorteil, dass andere Desktop-Software die Cloud-basierten Apps sinnvoll ergänzen kann (man ist dann nicht mehr auf den rudimentären Funktionsumfang von Google Docs angewiesen, sondern kann in einer „echten“ Textverarbeitung aus dem vollen Funktionsumfang schöpfen). Schliesslich ist das der zentrale Vorteil des personal cloud computing, dass nämlich die Daten stets aktuell gehalten und von verschiedenen Standorten bzw. Rechnern, Smartphones oder Tablets aus erreicht und bearbeitet werden können. Das steigert die Effizienz durch die Reduktion von Redundanz bei gleichzeitiger Maximierung der Colaborations- und Interaktionsmöglichkeiten mit Arbeitskollegen, Teammitgliedern, Freunden und Verwandten.

Bildnachweis: Das Artikelbild “Wolke über Windrädern” wurde von Florian Seiffert auf Flickr unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY 2.0) veröffentlicht

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