Von schwarzen Schwänen und Improvisation

Fehler passieren und sind menschlich. In der Projektplanung wird stets versucht, Fehler möglichst auszuschließen oder zumindest zu minimieren. Aber selbst die beste und genaueste Planung liefert keine Garantie auf ein fehlerfreies Projekt. Denn schliesslich gibt es auch jene Fehler, die vom ganzen Projektteam gemeinsam geplant werden. Zum Beispiel, wenn Voruntersuchungen und Studien aus der Projektvorbereitung unzureichendes Datenmaterial für die Projektplanung liefern und somit die Grundlage für ein höchst unwahrscheinliches Ereignis – einen sog. schwarzen Schwan – bedeuten.

Der Begriff des schwarzen Schwans geht in diesem Zusammenhang auf den libanesischen Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb zurück. Taleb hat bei seinen Forschungen im Bereich der Berechnung und Interpretation von Zufallsereignissen die seltenen, aber mächtigen, unvorhersehbaren Einzelereignisse als schwarze Schwäne bezeichnet. Vermutlich in Anlehnung an die Natur, die solche singulären Ausnahmeerscheinungen zulässt. Natürlich hätte Taleb diese Ereignisse auch weisse Löwen nennen können ;-)

Bei Bauprojekten und insbesondere beim Bauen in Bestand trifft man solche schwarzen Schwäne (leider) immer wieder. Ein Beispiel für einen schwarzen Schwan wäre das Antreffen einer historischen Holzdecke aus dem 17. Jahrhundert während den bauausführenden Arbeiten, welche aus Gründen des Denkmalschutzes nicht abgebrochen werden darf und zu umfangreichen Umplanungen führt, weil dann z.B. die geplante Aufzugsanlage nicht durch diese Holzdecke geführt werden darf. Der damit verbundene Zeitverlust und die daraus resultierenden Mehraufwände für Umplanung, geänderten Bauablauf und Leistungsänderungen in den betroffenen Gewerken sind einzig und allein auf den “Fehler” einer nicht vollständigen und umfassenden Bauwerksuntersuchung im Zuge der Projektvorbereitung zurückzuführen. Aber oftmals können Bestandsobjekte nicht immer vollständig durch- bzw. untersucht werden. Dies würde zum einen zu teure und zeitaufwändige bauliche Maßnahmen erforderlich machen und zum anderen den laufenden Betrieb in den betroffenen Objekten massiv stören bzw. unmöglich machen. Daher wird bei der Projektplanung vom Bauherren das Risiko der schwarzen Schwäne (mehr oder weniger) bewusst in Kauf genommen. Einen Schuldigen für diese Art von Fehlern gibt es demnach nicht.

Wichtiger als die Suche nach den Schuldigen ist in diesem Zusammenhang ohnehin die Improvisation. Bei Auftreten solcher schwarzer Schwäne im Projektverlauf sollte rasch gehandelt und eine Lösung im Projektteam erarbeitet werden, um weitere Zeit- und Geldverluste (z.B. infolge zu langer Stillstandszeiten) zu vermeiden. Es muss also improvisiert werden, da die ursprünglich geplante Variante nicht ausgeführt werden kann und quasi ausführungsbegleitend eine zu den neuen Gegebenheiten passende Lösung erarbeitet werden muss. Leider haftet der Improvisation im Projektmanagement ein negatives Image an, denn es entsteht der Anschein, dass zu schnell aus der Hüfte geschossen wird um eine Situation zu bereinigen. Denn Improvisation bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch “den spontanen praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung auftretender Probleme” (Quelle). Dabei geht es gerade im obigen Beispiel darum, wohl überlegt und lösungsorientiert zu handeln. Es wäre überaus sinnvoll, daher in der praxistauglichen Lehre vom Projektmanagement der Improvisation einen entsprechenden Stellenwert einzuräumen. Denn Projekte ohne Fehler oder schwarze Schwäne gibt es in der Praxis nur sehr selten – genau so selten, wie schwarze Schwäne in der Natur vorkommen.

Bildnachweis: Das Artikelbild “Black Swan” wurde von mueritz auf Flickr unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-SA 2.0) veröffentlicht.

P.S.: Dieser Artikel wurde auch im openPM-Blog veröffentlicht.

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