Gedanken zu „Agile Design Management – Bauplanung mit Scrum“

Dass etwas in Sachen Projektmanagement in der Planungs- und Ausführungsvorbereitungsphase passieren muss, liegt in Anbetracht der voranschreitenden Digitalisierung in der Baubranche auf der Hand. Gleich vorweg: ohne einer Neugestaltung der Abwicklung der Planungsphase werden neue Technologien wie BIM nicht ausgereizt und erfolgreich eingesetzt werden können. Der im vergagenen Herbst erschienene Artikel „Agile Design Management – Bauplanung mit Scrum“ hat diesbezüglich Erwartungen geweckt, aber bei weitem nicht erfüllen können. Dazu ein paar Gedanken … 

Die Planung von Bauprojekten ist eigentlich die Urform der interdisziplinären und zugleich iterativen Produktentwicklung. Eine mehr oder weniger komplexe Aufgabenstellung wird durch eine interdisziplinäre Herangehensweise einer Lösung zugeführt. Dazu wird die Detaillierung der architektonischen bzw. ingenieurtechnischen Planung schrittweise iterativ in einer Art stage-gate-Prozess verfeinert, der die wesentlichen Planungsschritte voneinander abgrenzt. Nicht zuletzt werden die Planungsergebnisse dadurch besser evaluierbar und hilft diese Vorgangsweise auch dabei, dass sich das Planungsteam nicht schon zu Beginn der Planung im Detail verliert.

Im vorgenannten Artikel kann man nun jedoch nachlesen: „Abläufe in diesen Phasen der Bauplanung werden traditionell sowohl übergeordnet als auch im Detail streng nacheinander ohne Möglichkeit der Rückkopplung zwischen den verschiedenen Planungsaufgaben„. Wenn Bauwerke wirklich so geplant werden würden, dann wäre bisher wohl noch keines auch tatsächlich gebaut worden.

Es ist richtig, dass der Vorentwurfsplanung die Entwurfsplanung als eigentlich baubare Systemplanung nachfolgt. Von „streng nacheinander“ kann jedoch keine Rede sein, denn es kommt mitunter in der Praxis vor, dass beide Planungsschritte in einem sogenannten integralen Entwurf zusammengefasst werden können. Auch das Absprechen „der Rückkopplung zwischen den verschiedenen Planungsaufgaben“ ist nicht richtig. Würde es keine Rückkopplung zwischen Auftraggeber und seinem Planungsteam zum Beispiel zwischen Vorentwurf und Entwurf oder nach der Entwufsplanung geben, so wäre eine Freigabe (= Abnahme) der Vorentwurfs- bzw. Entwurfsleistungen durch den Auftraggeber gar nicht möglich. Durch das Fehlen dieser „Rückkopplung“ würde eine Evaluierung der Vorentwurfs- oder Entwurfsplanung entfallen und weitere Planungsschritte mehr oder weniger unmöglich machen. Und wenn mit dem Fehlen der „Rückkopplung“ gemeint ist, dass z.B. der architektonische Vorentwurf ohne die Berücksichtigung der zugehörigen Ingenieur- und Fachplanungsleistungen (z.B. Statik/Tragwerksplanung, Technische Gebäudeausrüstung, Bauphysik, etc.) isoliert evaluiert wird, so widerspricht das der gelebten Praxis und ist schlichtweg falsch.

Der Feststellung, dass die Planung „dem herkömmlichen Wasserfallmodell, das keine Iterationen vorsieht“ folgt, kann ich mich nicht anschließen. Es mag zwar richtig sein, dass die traditionellen Planungsschritte dem Wasserfallmodell entsprechen. Aber es sind sehr wohl Iterationen im Zuge der Planung vorgesehen. Innerhalb einer Vorentwurfs- oder Entwurfsplanung werden durchaus mehrere Integrationsschleifen unter Einbeziehung aller an der Planung fachlich zu Beteiligenden durchgeführt. Sonst würde der Auftraggeber doch niemals eine abgestimmte Planung bekommen! Und die Behauptung „Fehlen eines einheitlichen Verständnis der beteiligten Fachplaner darüber, in welcher Reihenfolge die Aufgaben durchzuführen sind und wie sie untereinander zusammenhängen“ grenzt schon fast an eine gemeine Unterstellung. Die „unzureichende Koordination der Planungsdisziplinen“ liegt wohl nicht an den Planern selbst, sondern oftmals an der Unkenntnis über das Wesen der Planung und der Unfähigkeit derjenigen, die den Planungsprozess managen bzw. steuern soll(t)en.

Als „Ursache für die oben geschilderten Probleme“ wird sodann vermutet, „dass wir ein lineares Managementsystem auf das iterative Umfeld der Bauplanung anwenden.“ Das mag teilweise zutreffen, ist aber nicht die alleinige Ursache. Eine weitere Ursache liegt darin, dass bei zunehmend komplexeren Anforderungen an unsere Bauwerke die Zeit bzw. Dauer für die Planungs- und Ausführungsvorbereitungsphase häufig zu kurz bemessen wird. Dadurch steigt die Fehleranfälligkeit, weil nicht mehr ausreichend Zeit für notwendige Abstimmungsprozesse zwischen Planern, Auftraggeber und Nutzern bleibt.

Der vorgestellte Agile Design Management-Ansatz ist im Grunde nichts anderes, als ein an Scrum angelehntes Management-Framework für den Planungsprozess eines Bauwerks (= Produktentwicklungsprozess). Über „Agiles Bauprojektmanagement“ wurde hier im Blog erstmals vor fast sieben Jahren geschrieben. Scrum im Planungsprozess eines Bauprojektes ist also mittlerweile schon alter Wein in neuen Schläuchen. Und im Endeffekt schweigen sich die Autoren leider darüber aus, wie die einzelnen Planungsschritte konkret damit umgesetzt werden können. Unbestritten ist, dass eine derartige Form des Projekt-Setups viele Vorteile bringen kann. In der Praxis wird darüber aber auch das Comitment mit dem Auftraggeber herzustellen sein. Ebenso ist die Aufgabenfokussierte Besprechungsführung ein wesentliches Element von Scrum. Die Frage bei dem im Artikel vorgestellten Konzept wird sein, ob es für den Auftraggeber ausreichend ist, wenn die Dokumentation der Besprechungsinhalte an einer dem Kanban-Board ähnlichen Tafel erfolgt.

Beim Lesen des Artikels ist an vielen Stellen der Eindruck entstanden, dass mit dem Agile Design Management-Ansatz ein neues Marketinginstrument beschrieben wurde. Die Einleitung zu Beginn des Artikels klang ganz und gar wie ein Werbetext des Unternehmens, für das die beiden Autoren tätig sind. Das sollte in einem Fachartikel eines unabhängigen Magazins keinen Platz haben. Alles in allem zu viel Rauschen und zu wenig konkrete Lösungsansätze für die Planungs- und Ausführungsvorbereitungsphase. Da können auch sinnvolle und zutreffende Behauptungen, wie z..B.: „Der prinzipielle Unterschied zwischen „Agil in der Planung“ und „Lean auf der Baustelle“ liegt somit darin, dass der Fokus in der Planungsphase auf Agilität und nicht wie in der Ausführungsphase auf Stabilität ausgerichtet ist.“ nicht darüber hinwegtäuschen.

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